Archiv der Kategorie: Geschichte

10 Fragen an einen ehemaligen Musiker der Stadtkapelle Riedlingen

Können Sie sich / kannst Du Dich bitte kurz vorstellen?
Rainer Winkler, Jahrgang 1943, verheiratet, eine Tochter. 1963 nach dem Abitur zur Bundeswehr, Ende 1994 in Frühpension, vier Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten im Bundestag gearbeitet, danach im Ruhestand. Seit 1988 in Bergisch Gladbach.

Die Stadtkapelle mit Rainer Winkler in der vorletzten Reihe zwischen Klarinette und Waldhorn

Von wann bis wann haben Sie / hast Du in der Stadtkapelle mitgespielt?
Gründungsmitglied des Fanfarenzuges, ab 1959 bis 1963 in der Stadtkapelle

Welches Instrument haben Sie / hast Du gespielt?
Trompete, Stimme des 1.Flügelhorn

Warum gerade dieses Instrument?
Ich wollte >Melodien< spielen, und zwar 1. Stimme und keine Begleitung.

 

 

Was war Ihr/Dein schönstes Erlebnis in bzw. mit der Stadtkapelle?
Ich hatte mit zwei Kumpels (Uwe Strang [li.] und Hans-Peter Lorenz [Mitte]) angefangen, die aktuelle Hitparade rauf und runter zu spielen. Am Gallusmarkt-Tanz 1960 durften wir drei zum ersten Mal in der Pause der Tanzbesetzung in der Festhalle auftreten.

 

 

Welches Musikstück haben Sie / hast Du am liebsten gespielt?
Es gab keinen Favoriten

Wer war/ist Ihr/Dein musikalisches Vorbild?
Louis Armstrong

Sind Sie / Bist Du auch heute noch als Musiker/in aktiv?
Ja

Welches Instrument spielen Sie /spielst Du heute?
Trompete

In welcher Kapelle / welchem Orchester?
In einem Posaunenchor, in einer privaten Jazz-Combo und in der Kölner Bigband >Ballroom Sündikat<.

Aktuelles Konzertplakat des Ballroom Sündikats mit Rainer Winkler in der 2. Reihe Dritter von links

Herzlichen Dank an Rainer Winkler für die Beantwortung der Fragen und die Fotos zum Interview!
Und wer sich über die Bigband, in der Rainer Winkler mitspielt, informieren will, kann dies hier tun.

Eröffnung der Wechselausstellung „Vereine im 19. Jahrhundert

Vortrag von Jürgen Berger
1. Vorsitzender der Stadtmusik Riedlingen

Können Sie sich die Riedlinger Fasnet, Prozessionen, Gemeinde- und Stadtfest ohne die Mitwirkung der Stadtkapelle vorstellen, meine sehr verehrten Damen und Herren? Ich, ehrlich gesagt nicht. Doch es gab Zeiten da wurde in Riedlingen keine Blasmusik gespielt. Zum einen waren dies die Kriegszeiten und zum anderen Zeiten in denen es gar keine Blaskapelle in Riedlingen gab.

Die erste Erwähnung einer Blasmusik in Riedlingen stammt aus der Chronik des Freiherrn von Hornstein die für den Altertumsverein angelegt wurde. Und diese Aufzeichnung erhielt ich erst vor wenigen Wochen vom Vorsitzenden des Altertumsvereins Winfried Aßfalg, wofür ich mich herzlich bei ihm bedanke. Zu Lesen ist in der Chronik, dass am 01. August 1803 der Weihbischof Graf von Bissingen nach Riedlingen kam, am Weilertor von der Bürgerschaft empfangen wurde und unter Begleitung türkischer Musik in die Stadt einzog.

Auch im Jahr 1804 anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten von Kaiser Franz II. werden Musikanten erwähnt. Neben einer türkischen Musik gab es auch eine „Ballmusik“. Man weiß sogar genau, wie die Musiker entlohnt wurden, welche Kosten für die Bürger entstanden.

Am 14. Januar 1810 hatte sich die Stadtmusik zum Empfang des „Jägerregiments zu Pferd Herzog Louis“ am Zwiefalter Tor aufgestellt. Dieses Datum nahmen wir im Jahr 2010 zum Anlass „200 Jahre Blasmusik in Riedlingen zu feiern. Und ich glaube dieses Fest wird mancher Riedlingerin oder manchem Riedlinger noch lange in Erinnerung bleiben.

Kommen wir nun zu einem Jahr das sehr lange im Briefkopf als Gründungsjahr der Stadtkapelle stand: 1843.
Auf Beschluss des Gemeinderats wird am 26. März eine „Janitschariamusik“ ins Leben gerufen. Eine Janitschariamusik war ursprünglich die Musik der Osmanen. Die Riedlinger Janitschariamusik hatte 27 Mitglieder und ihr Leiter war der Lehrer Ritter. Die Mitglieder versammelten sich jeden Mittwoch zu einer Unterrichtsstunde und am Sonntag zu einer Probe. Ein Kapelle die sonntags regelmäßig probt, gibt es dass heute? Ich kenne auf jede Fall keine. Ich kenne halt die Probenwochenenden die unser Dirigent Stadtmusikdirektor Michael Reiter vor den Konzerten abhält. Die damalige Stadtverwaltung finanzierte der Janitschariamusik die Anschaffung von 32 Instrumenten zum Preis von 375 Gulden. Es Statuten aufgestellt und genehmigt die u.a. bestimmten, dass zur Sicherung des Bestands der Kapelle sich jedes Mitglied auf 6 Jahre verpflichten musste.

Im Jahr 1850 fand die Gründung einer Privatharmoniegesellschaft als Nachfolgerin der Janitschariamusik statt. Diese erhielt die Instrumente ihrer Vorgängerin und hatte ihr Probelokal im Rathaus, wie man aus Dokumenten von 1860 erfährt. Dort wurde erwähnt, dass die Gesellschaft wegen übermäßigen Rauchens einen Verweis erhielt. Aus dem Jahr 1865 weiß man von einer konstituierenden Sitzung des Musik-Vereins im „Rosengarten“. 1869 begleitet die „Städtische Musik“ den Festzug anlässlich der Eisenbahneröffnung. 30 Jahre später nimmt eine ausgezeichnete Knabenmusik an der Fasnet teil. 1903 wird die Stadtkapelle neu organisiert. Kürschnermeister Adolf Schenzinger wir zum Dirigenten und Musiklehrer bestellt. Er uniformiert eine Jugendkapelle.

1928 kommt es erneut zur Gründung der Stadtkapelle. Dies war Anliegen des Gemeinderats und besonders dessen Vorsitzenden Stadtschultheiß Kilian Fischer – meinem Großvater. Als Dirigent wurde Gustav Dehm aus Herbertingen gewonnen, der damals dieses Amt auch in Neufra ausübte. Vorstand wurde Stadtbaumeister Sorger.

Im Jahr 1930 wurde eine Knabenkapelle gegründet. Einer dieser Knaben – Josef Braun – damals 9 Jahre alt, gehörte 75 Jahre lang Stadtkapelle an. Er kann auch heute noch die tollsten Anekdoten aus seinem langen Musikerleben erzählen. Als Josef Braun an seinem 84. Geburtstag sein Instrument beiseite legte wurde er mit der Erich-Ganzenmüller-Medaille ausgezeichnet. Eine Auszeichnung die damals ganz neu war, und er war somit einer der ersten die diese Medaille erhielten.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde mit Xaver Hermanutz als Musikdirektor der Probenbetrieb wieder aufgenommen. Auch aus dieser Zeit bis zum heutigen Tag ließe sich einiges Interessantes berichten. Beispielsweise wurde versucht in der Silvesternacht das Jahr mit einem Platzkonzert um 23 Uhr zu beenden. Beendet wurde allerdings nicht das Jahr mit Musik, sondern die Zuhörer beendeten sehr schnell das Platzkonzert in dem sie Böller zwischen die Musiker warfen. Daher blieb es bei diesem einmaligen Versuch.

Noch 3 – aus meiner Sicht wichtige Daten – aus den vergangenen Jahrzehnten
1971 erhielt die Stadtkapelle die Pro-Musica-Plakette.
1974 traten die ersten Frauen bzw. Mädchen in die Stadtkapelle ein. Eine einzige von ihnen – Cornelia König – spielt heute noch bei uns mit.
2010 erhielt die Stadtmusik beim Landesmusikfest in Villingen die Conradin-Kreutzer-Tafel

Meine Damen und Herren, Sie erinnern sich noch an meine Frage ganz zu Anfang meines Vortrags? Wie Sie gehört haben gab es in der Geschichte der Blasmusik in Riedlingen immer wieder Neugründungen der Stadtmusik bzw. der Stadtkapelle.
Was tut die Stadtmusik nun in Zeiten, wo viele Vereine mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen haben, damit es keine Blasmusik-lose Zeit mehr in Riedlingen gibt?
Sie kümmert sich um die musikalische Frühförderung in Riedlinger Kindergärten
Sie betreibt mit der Conrad Graf-Musikschule und der Joseph-Christian-Gemeinschaftsschule das Riedlinger Modell, bei dem Kinder in den Klassen 1 und 2 Blöckflöte spielen oder Trommeln lernen können
Sie bietet mit den eben bereits erwähnten Partnern in der 3. und 4. Klasse die Bläserklasse an, wo die Kinder das Musizieren auf einem Blasinstrument erlernen können.
Sie kooperiert in der Jugendausbildung mit den Musikvereinen Daugendorf, Grüningen und Zell-Bechingen. Unter dem Namen „Die Dapper“ gibt es sowohl ein gemeinsames Vor- – als auch ein gemeinsames Jugendorchester.
Sie engagiert sich in der musikalischen Erwachsenenbildung mit ihrem TUBerabend. Wenn Sie von Tuten und Blasen keine Ahnung haben dann kommen Sie zu uns und lernen Sie auf einem Blasinstrument zu spielen. Oder frischen Sie ihre vor langer Zeit erlernten Kenntnisse des Instrumentenspiels an diesem Abend wieder auf. Erfahrene Blasmusikerinnen und -musiker sind in unserem Hauptorchester – der Stadtkapelle – jederzeit willkommen.

Jürgen Berger 1. Vorsitzender der Stadtmusik (Fotos: Gerhard Diesch)
Das Trio, das bei der Eröffnung spielte: Anna Bartnik (Klarinette), SMD Michael Reiter (Klarinette), Andreas Hermanutz (Tenorhorn)

Die Stadtkapelle als Postkarte

Das Hobby unseres Vereinsvorsitzenden ist es, alte Postkarten seiner Heimatstadt Riedlingen zu sammeln. Und so kommt es vor, dass er ab und an mal eine Briefmarken- und Ansichtskartenbörse besucht. Und wie er da so auf der Börse in den Angeboten der Händler nach neuem Material für seine Sammlung sucht, fällt ihm eine ganz besondere Karte in die Hände:

smr_20160117_Postkarte

Die Karte zeigt die Stadtkapelle Riedlingen in Zeiten als Adolf Schranz Dirigent war. Und da unser Vorsitzender gleichzeitig der Archivar und Chronist des Vereins ist, hat er die Postkarte – die vom Photohaus Josef Ulrich aus Riedlingen hergestellt wurde – für den Verein erworben.